Mittwoch, 22. Juni 2016

Anleitung Nähen auf Papier - ausführlich

Seid ihr auch manchmal verwirrt, mit "Paper Piecing" und "English Paper Piecing"?
Warum müssen so unterschiedliche Techniken auch so ähnlich heißen?!

Begriffsklärung:
"Paper Piecing"
auf Deutsch "Nähen auf Papier"  (manchmal auch "Nähen nach Zahlen" genannt) ist eine Arbeit, die man an der Nähmaschine macht.
Hier näht man nicht die genau zugeschnittenen Stoffstücke klassisch Kante an Kante aneinander
sondern man schneidet die Stoffstücke grob und großzügig zu und näht entlang einer auf Papier gedruckten Linie.

Schitt von modernquiltingbyb


"English Paper Piecing"
abgekürzt EPP
auf Deutsch "Nähen über Papier"
ist das, wo man Stoff über Papierschablonen zieht (gerne Hexagons oder Rauten) und diese (meistens) mit der Hand zusammennäht.
Das ist die beliebteste Näharbeit "für den Urlaub" und "für Unterwegs", würde ich mal behaupten.




Hier will ich uns mal ausführlich mit "Nähen auf Papier" beschäftigen ;-)

Motivation:
Warum überhaupt auf Papier nähen?
Der Vorteil ist, dass sehr exakt genäht werden kann.
So sind alle Patchworkarbeiten, mit langen, schlanken Spitzen, sehr kleinen Teilen, zusammengesetzten Kurven usw. oft leichter und besser auf Papier zu nähen, als die Stoffstücke "klassisch" Kante auf Kante zu nähen.

"New York Beauty" Blöcke beispielsweise oder Blöcke mit figürlichen Motiven wie Tiere oder Fahrzeuge sind prädestiniert für diese Technik.
Manchmal denke ich auch, dass für Schnitte oder Bücher lieber Blöcke auf Papier gemacht werden, weil da die Vorlage recht einfach auf eine CD gebrannt oder runtergeladen werden kann damit wir uns diese dann selber ausdrucken.
Dann muss auch nicht für jedes Teil eine extra Schablone gemacht werden mit Nahtzugabe und so.
Eines meiner Lieblingsbücher "Vintage Quilt Revival" ist da ein gutes Beispiel.

Schon beim Ausdrucken ist es wichtig, dass man bei den Druckereinstellungen bei "Seite anpassen und Optionen" unbedingt "tatsächliche Größe" anklickt!!



Meistens gibt es auf dem Ausdruck dann auch ein Kästchen, das man nachmessen kann und das unbedingt der angegebenen Größe entsprechen muß!

Einblock oder Teilblock
Es gibt Blöcke, die man an einem Stück nähen kann, das wäre beispielsweise ein "Log Cabin", ein Tannenbaum oder eine "Crazy Rose".

Schnitt von Meadowmistdesign


Andere Blöcke muß man aus mehreren Teilen zusammensetzen.
In diesem Fall gibt es Druckvorlagen, bei dem jedes Teil extra auszuschneiden ist und die Nahtzugaben bei jedem Teil mit dabei sind.
Die Teilstücke näht man meistens mit Papier noch drin zusammen, schneidet sie zurecht und entfernt dann das Papier.

Schnitt von lillyella


Auch es gibt Druckvorlagen, bei dem der Block sozusagen am Stück ausgedruckt wird und die einzelnen Segemente durch dickere Linien zu erkennen sind. Bei dieser Variante schneidet man den Block an den dicken Linien auseinander und erhält so die Teilblöcke.
Hier muß dann beim Nähen wirklich gut aufpassen, dass man die Nahtzugaben mit einplant!
(die Variante finde ich für Einsteiger nicht so empfehlenswert...)


Trägermaterial:
Druckerpapier:
Am einfachsten und günstigsten ist es natürlich, wenn man die Vorlagen auf normalem Druckerpapier ausdruckt.
Wenn der Block zusmamengenäht und zurechtgeschnitten ist, wird das Papier wieder rausgerissen.
Das kann bei sehr kleinen Blöcken oder sehr vielen Blöcken schon Zeit in Anspruch nehmen.
Wichtig ist, dass eine kleine Stichlänge eingestellt wird (1,5). Dadurch wird das Papier perforiert und ist leichter zu entfernen.
(siehe Schmetterlinsschnitt)

Foundation Paper:
Dann gibt es noch recht dünnes Papier, das bedruckt werden kann. Zum Beispiel Carol Doaks Foundation Paper. Es reißt an den Nähten auf, wenn man den Stoff etwas dehnt und ist so einfacher zu entfernen.

Wasserlösliches Papier:
Eine weitere Möglichkeit ist wasserlösliches Stickpapier.
Auch das lässt sich problemlos bedrucken. Nach dem Nähen legt man den Block in Wasser und das Papier löst sich in Sekundenschnelle auf.
(Dann ist natürlich der Block nass, muss in Form gelegt und wieder gebügelt werden...)
(siehe Schnitt Pineapple)

Rasterquick:
Und schließlich kann man auch auf Rasterquick nähen, ein dünnes, kompaktes, bedrucktes Vlies von Freudenberg.
Da gibt es die Möglichkeit von Rasterquick Viereck (90° Winkel) oder Dreieck (60° Winkel).
Auf Rasterquick zeichnet man mit der Hand auf, näht und belässt das Vlies drin.
Das ist beispielsweise für die klassichen Weihnachtssterne sehr beliebt!
Kuscheldecken würde ich damit jetzt nicht machen, aber für Dekoteile finde ich es super, weil das Werk gleich fester ist und man sich eventuell eine extra Vlieseinlage sparen kann.



Nähen
Hier erkläre ich einfach, wie ich es mache...
Als Beispiel nähe ich einen Schmetterlingsblock von lillyella, siehe oben, der aus mehrern Einzelteilen besteht.
Wie schon gesagt, an der Maschine einen kleinen Stich von 1,5 bis 1,8 einstellen.
Ich mag eine dünne Nadel (75 oder 80) und ein 50er Baumwollgarn oder Polyester Allesnäher.
Logischerweise näht man die Stoffstücke in Reihenfolge der Zahlen auf das Papier.
Die Stoffstücke werden  grob aber unbedingt großzügig (mehr als die normale Nahtzugabe!) geschnitten.
Die erste Naht ist die, bei der man am meisten überlegen muß!
Der Witz ist der, dass die linke (unbedruckte) Seite des Papiers und die linke Seite des Stoffes aufeinander kommen!
Da sieht man erst mal nicht, wo es lang geht...
Ich finde es ganz hilfreich, das erste Stück Stoff mit dem Klebestift auf dem Papier zu fixieren.



Eine gute Lichtquelle ist hilfreich, dann kann man das Papier gegen das Licht halten und sehen, ob der Stoff das ganze geplante Feld plus Nahtzugabe ausfüllt.
Die bedruckte Seite des Papiers schaut mich an, die rechte Seite des Stoffes schaut von mir weg!



Jetzt kommt das zweite (großzügig geschnittene) Stück Stoff rechts auf rechts auf das erste Stück Stoff.
Nun hält man das Ganze wieder gegen das Licht und schaut, dass die Kante von Stoffstück zwei mindestens 5 mm über die Linie zwischen Feld 1 und 2 überragt.
(Stoffstück eins ragt ja eh schon über, die Kante raus)
Die Kanten von Stoffstück eins und zwei müssen nicht genau aufeinander liegen. Nach dem Nähen wird schön begradigt.



Stoffstück zwei feststecken.
Ja, auch das ist nicht so leicht, weil die Stecknadel ja auf der Seite steckt, die nacher in der Nähmaschine unten liegt!
Ich stecke eine feine Nadel gerne an die Stelle, die beim Nähen am Ende ist.



Oder man steckt noch eine Nadel von der Papierseite durch und entfernt die erste Nadel wieder.



Jetzt (tata!) die erste Naht nähen!
Und zwar auf der bedruckten Seite des Papiers.
Papier liegt oben, Stoff liegt unten.
Ich habe es so gelernt, dass ich genau und nur die entsprechende Linie entlang nähe und an Anfang und Ende mit Rückstichen sichere.



Nun das Stoffstück zwei auffalten, und alles gegen das Licht halten und prüfen, ob wirklich das ganze Feld zwei plus Nahtzugaben bedeckt ist :-)
Wenn es stimmt, das Stück mit Stoff wieder klappen, so dass die linke Stoffseite zu sehen ist.
Alles mit der Stoffseite nach unten auf eine Schneidunterlage legen. Die eben genähte Naht vor sich.
Das Papier an der Naht vorsichtig zurück falten.
So wird quasi die Nahtzugabe freigelegt, die man nun auf 5 mm ordentlich trimmen kann.



Nun Stoffstück zwei auffalten, so dass die rechte Stoffeite nach oben zeigt und die Naht schön bügeln.
Ich stecke dann gerne eine Stecknadel rein, damit die meist winzigen Stoffstücke nicht rumflattern.



Nun kommt doch schon glatt die zweite Naht!



Und so weiter, bis alle Stoffstückchen angenäht sind.
Dann bis auf die angezeichnete Nahtzugabe alles zurückschneiden.



Bei diesem Ministück klebe ich wieder ganz gerne "abflatternde" Randstücke (hier Teil 5 und 6) mit dem temporären Stoffklebestift fest.
Und dann die nächsten Teilstücke fertig nähen.



Und diese dann zu einem ganzen Block zusammennähen.
Juhu, fast fertig.
Weil jetzt muß man ja noch das Papier entfernen...
Wenn ich auf Druckerpapier genäht habe, finde es ganz praktisch, das Papier mit Wasser einzusprühen und wenn es fast wieder trocken ist, rauszureißen.
Gibt auf jeden Fall einen großen Verhau :-)
Aber meistens lohnt sich die Arbeit!


Frei erhältiche Vorlagen für Nähen auf Papier gibt es haufenweise im Internet.
Die sind zwar meist auf Englisch und mit inch Nahtzugabe, aber viel lesen muß man ja nicht.
Die Beispiele von meinem Blogpost sind fast alle von www.craftsy.com
Pineapple
Snowball
Schmetterling
Aber auch  Carol Doak bietet zahlreiche freie Muster an.

Viel Spaß und viel Erfolg!
Verena 

(In den Kommentaren haben einige noch ihre Tipps und Tricks geschrieben!
Danke euch!)

Kommentare:

  1. Hallo Verena,
    einr super Anleitung hast du da zusammengestellt! Bei uns in der PW-Gruppe gibt es auch regelmäßig Irritationen, wenn ich von Paper Piecing rede, weil viele kaum Englisch reden und mit dem nur das EPP verbinden.
    Was ich gerne beim PP nutze ist das Add-A-Quarter oder Add-A-Eight Lineal. Die haben eine Anlegeschiene extra fürs PP, so dass man ganz schnell und einfach die perfekte Nahtzugabe hat. Nicht gabz günstig, aber echt praktisch.
    Meine Erfahrung ist übrigens, dass das Rasterquick auch für Kuscheldecken geht. Ich habe inzwischen zwei, die damit genäht sind. Nach kurzer Zeit sind auch die dann weich ubd anschmiegsam. Habe allerdings auch ein dickes Vlies ubd und eine weiche Rückseite dran. Das könnte das Gefühl noch verstärken. ;)
    LG, Rike

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  2. Super genaue und klare Anleitung, Verena! Ich nähe allerdings, wie auch sonst, immer ca. 1/4" über die Enden der zu nähenden Naht hinaus, damit das angenähte Stück auch wirklich fixiert ist. Dann kann man es natürlich nicht mehr so gut umklappen, um die Nahtzugabe exakt abzuschneiden. Ich hab mich schon immer gefragt, was nun "richtig" ist?

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  3. Hallo Verena,
    Danke für die sehr ausführliche Anleitung!
    So hin und wieder nähe ich auch auf Papier und musste dann immer neu überlegen, wo die erste Naht gesetzt werden muss.
    Schönen Gruß, Sigrid

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  4. Hallo Verena,
    deine präzise Anleitung ist für mich (und sicher viele andere) eine große Bereicherung und Ergänzung zum Kurs mit Sandra. Ganz herzlichen Dank. Bis du kommenden Sa mit im Kurs oder im Laden?
    LG este

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  5. Wow, da hast Du Dir aber richtig Arbeit gemacht - tolle Erklärung! Ich nähe allerdings mit meinem futzelkleinen Stich immer über die Linien hinaus, wenn ich dann umklappe und die Nahtzugabe exakt schneide, dann muss ich die überstehende Naht mit einem kleinen Ruck aus dem Papier reißen. Klappt hervorragend. Und gerade beim Zusammennähen von mehreren Papierteilen hat das Nähen über die Randlinie einen enormen Vorteil, weil dann wirklich alle Nähte festsitzen... Aber wie so oft beim Patchworken gibt es immer viele verschiedene Methoden und jeder findet die für sich optimale. "Richtig" gibt's nicht :-))

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  6. Ich pause mir die Muster meistens auf Butterbrot- oder Backpapier durch. Dann sehe ich auch ohne Lichtquelle ganz einfach, wo der Stoff angelegt werden muss. Abreissen kann ich das Papier natürlich auch ganz einfach. Inzwischen gibt es wirklich super viele Muster, die auf Papier genäht werden. Dass das eine Art Geschäftsmodell sein könnte (ich mache eine PP Muster und Du musst es dann kaufen...) daran habe ich noch nicht gedacht. Aber so wird es wohl sein ;)
    Danke auf jeden Fall für diese tolle Übersicht. Die leite ich mal direkt an meine Nähgruppe weiter.
    Viele Grüße,
    Martina

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  7. Supertolle Anleitung :-) Wird mir jetzt dann bei Sabines Block sicher noch helfen!
    Woran ich eigentlich eher scheitere sind die Nähte 2-3, wenn der Stoff etwas knapp zugeschnitten und schräg ist. Da habe ich mir angewöhnt die erste Nadel von der Rückseite möglichst auf die Naht zu stecken und dann dort umzuklappen um zu sehen, ob alles überdeckt ist. Aber dann habe ich doch wieder oft vergessen, dass die Nahtzugabe, wenn da eine schräge Linie ist viel größer sein muss. Naja, den goldenen Weg habe ich noch nicht gefunden, aber Übung macht wohl den Meister ;-)
    LG, Eva

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  8. Danke für die so ausführliche Anleitung! Ich hab mir FPP letztes Jahr per Video beigebracht, wo man über die Naht hinausnähen sollte, finde jetzt aber Deine Variante mit Sichern sympathischer. Ich werde das beim nächsten Mal ausprobieren!
    Ich drucke die Muster am liebsten auf Durchschlagpapier aus - das ist jenes ca. 40g/m2 starke Papier, das man früher (als wir noch mit der Schreibmaschine schrieben) unters Papier und Kohlepapier gelegt hat, kannst Du Dich erinnern? Davon habe ich letztens beim Aufräumen einen Packen entdeckt - ich finde es ideal, weil es sich ganz leicht rausreißen lässt. Zum Ausdrucken verwende ich jetzt auch immer den Tintenstrahldrucker und nicht den Laserdrucker, weil die Druckerschwärze des Lasers beim Bügeln wieder weich wird und machmal abgeht... Nicht so schön. Liebe Grüße, Gabi

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  9. Liebe Verena,
    vor langer Zeit habe ich mal an einen PP-Kurs teilgenommen. Damals habe ich mir keine Notizen gemacht, da ich dachte, dass ich es nicht vergessen würde.Nun wollte ich mal wieder an ein Teil nähen.Tja,es fiel mir noch das eine oder andere ein,es blieb aber noch das eine oder andere Fragezeichen. Nach deiner tollen Anleitung ist mir wieder alles klar. Gaaaanz lieben Dank dafür!!!!
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden,
    Lydia

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